Bechgaard-Salze (TMTSF)2X
Die TMTSF-Salze sind Metalle mit einem 3/4 gefüllten Leitungsband. Die wirkliche
Bandfüllung ist allerdings 1/2 aufgund einer schwachen Dimerisierung entlang der
Ketten; weitere Modifikationen können durch Elektronenkorrelationen hervorgerufen
werden. Während (TMTSF)2ClO4 die einzige Verbindung ist, die
unter Normaldruck bis zu 1 K metallisch bleibt und bei noch tieferen Temperaturen
supraleitend
wird, gehen die meisten anderen Bechgaard-Salze vom metallischen
in den isolierenden Zustand über (bei Temperaturen um 10 K); dieser
Metall Isolator Übergang kann in einigen Fällen, wie beispielsweise im Fall von
(TMTSF)2PF6, durch Anwendung von äußerem Druck
(
Dimensional Crossover
) unterdrückt werden. Aufgrund der größeren
Anisotropie, der stärkeren Dimerisierung und
der größeren Coulomb-Abstoßung befinden sich die TMTTF-Salze eher in einem
isolierenden Mott Hubbard Zustand.
(TMTTF)2PF6 ist bekannt als die am stärksten korrelierte Verbindung der
Serie. Im Phasendiagramm liegt (TMTTF)2Br zwischen (TMTSF)2PF6
und (TMTTF)2PF6, da supraleitende Eigenschaften lediglich unter Anwendung von
hohem Druck beobachtet wurden.
Phasendiagramm von (TMTSF)2X und (TMTTF)2X (nach [5] und S. Brown). loc bedeutet Lokalisierung von Ladungsträgern, CO Ladungsordnung, SP spin-Peierls, AFM antiferromagnetisch, SDW Spindichtewelle und SC superleitend. |
Im Jahre 1979 entdeckte D. Jerome in (TMTSF)2PF6 erstmals supraleitende Eigenschaften bei Temperaturen um 1 K und unter äußerem Druck; damit war der erste Schritt getan. Die Bechgaard Salze (TMTSF)2X, wobei TMTSF für Tetramethyltetraselenafulvalene steht und X eines der monovalenten Anionen wie PF6, AsF6, ClO4, ReO4 etc. ist, sind auch in anderer Hinsicht interessant:
- Viele der Systeme sind gute Metalle bis zu tiefen Temperaturen, bevor sie supraleitend werden.
- Obwohl sie im Prinzip eindimensional sind, kann die Kopplung zwischen den Ketten durch Anwendung von hohem Druck oder durch Austausch der Anionen geändert werden, wodurch die Dimensionalität ( Dimensional Crossover ) variiert werden kann.
- Einige der Salze zeigen einen Übergang zu einem Spindichtewellen- (SDW) oder Ladungsdichtewellen- (CDW) Grundzustand.
- Die Ordnung der Anionen kann strukturelle Änderungen hervorrufen.
(TMTSF)2PF6-Struktur: Die planaren Moleküle sind entlang der a-Kristallachse gestapelt; entlang der c-Achse sind sie durch PF6-Anionen getrennt. |
Projektion des (TMTSF)2PF6-Kristalls entlang der Stapelrichtung. Die TMTSF-Moleküle sind entlang der c-Richtung orientiert; entlang der b-Richtung erzeugen die Selen-Atome Kontakte zwischen den Stapeln und bilden somit Schichten in der ab-Ebene mit einer Tendenz zur Zweidimensionalität. |
Aufgrund des eindimensionalen Charakters der Bechgaard-Salze können die niederenergetischen Anregungen nicht einfach durch die von Landau entwickelte Theorie der Fermiflüssigkeiten beschrieben werden; stattdessen muss das Tomonaga-Luttinger-Modell ( Eindimensionale Metalle ) zur Beschreibung herangezogen werden. Die Wechselwirkung zwischen den Ketten ist von großer Bedeutung, da sie die physikalischen Eigenschaften stark beeinflusst; somit sind andere theoretische Modelle zur Beschreibung nötig.
Optische Leitfähigkeit von (TMTSF)2PF6 |
Die optische Leitfähigkeit von (TMTSF)2PF6 zeigt eine starke Anisotropie.
Bei tiefen Temperaturen sind entlang der Kettenrichtung starke Abweichungen von einem
einfachen Drude-Verhalten zu beobachten.
Man findet eine Anregung um 200 cm-1, die für Temperaturen unterhalb von
200 K auftritt und somit nichts mit der Energielücke im
Spindichtewellen-Zustand
zu tun hat. Eine Mode bei der Energie null, mit einer extrem kleinen Relaxationsrate,
bildet sich mit abnehmender Temperatur heraus. Senkrecht zur Stapelrichtung ist die
Leitfähigkeit niedriger; sie zeigt aber noch immer ein Drude-artiges Verhalten bei
tiefen Temperaturen.
Um 12 K herum geht (TMTSF)2PF6 in einen
SDW-Grundzustand
über, d. h. die Elektronenspins sind periodisch moduliert, ohne eine Ladungsmodulation
oder eine Gitterverzerrung. Dabei öffnet sich eine Energielücke in der Zustandsdichte
an der Fermienergie und ruft eine starke Änderung der meisten physikalischen Eigenschaften
hervor. Aufgrund der Spin Phonon Kopplung tritt eine signifikant Änderung der akkustischen
Eigenschaften auf, wie beispielsweise Schallgeschwindigkeit und Dämpfung.
Die
magnetische Suszeptibilität
fällt stark ab
und der
dc-Widerstand
nimmt um mehrere
Größenordnungen zu. Die optischen Eigenschaften zeigen aber dennoch merkliche Beiträge
bei niedrigen Energien, unterhalb der Einteilchen-Energielücke. Diese können teilweise
als kollektive Anregungen der
Spindichtewelle
identifiziert werden.
Die meisten Transportmessungen wurden entlang der Kettenrichtung durchgeführt,
wo aufgrund des kollektiven Transports der Spindichtewelle eine nicht-lineare
Leitfähigkeit beobachtet wurde. Über die Eigenschaften in der senkrechten Richtung
ist weitaus weniger bekannt.
Die Natur der Supraleitung ist noch nicht ganz verstanden. Langsam abgekühltes (TMTSF)2ClO4 wird supraleitend bei 1.2 K; für (TMTSF)2PF6 ist dagegen ein äußerer Druck von 6.5 kbar nötig, um Supraleitung hervorzurufen. Frühe NMR-Experimente zeigen kein Hebel Slichter Maximum, was auf den Einfluss von antiferromagnetischen Fluktuationen und p Wellen Supraleitung zurückgeführt werden könnte. Kürzlich wurde diese Idee durch Messungen des c Achsen Widerstandes in einem externen Magnetfeld von 10 Tesla und höher unterstützt. Allerdings schließen thermischen Transportmessungen Knoten in der Energielücke aus. Untersuchungen der elektrodynamischen Eigenschaften könnten diese Kontroverse klären, da die optische Leitfähigkeit sensitiv gegenüber niederenergetischen Anregungen ist.
- Literatur:
- M. Dressel et al., Phys. Rev. Lett. 77, 398 (1996) .
- L. Degiorgi et al., Phys. Rev. Lett. 76, 3838 (1996) .
- A. Schwartz et al., Phys. Rev. B 58, 1261 (1998) .
- M. Dressel, Physica C 317-318, 89 (1999) .
- J. Moser et al., Eur. Phys. J. D 1, 39 (1998) .
Die Untersuchungen der Bechgaard-Salze werden in enger Zusammenarbeit mit der University of California Los Angeles, der Eidgenössischen Technische Hochschule Zürich, der Universität Frankfurt und viele andere Gruppen weltweit durchgeführt.
Ansprechpartner: M. Dressel M. Dumm, M. Dressel